Ob es nun der einäugige Hund ist, dessen leere Augenhöhle irgendwie furchterregend ist, ob es der 3-Beinige Hund ist, der gehbehinderte Hund ist, ob er taub oder blind ist:
Oft sitzen sie in Tierheimen, oder landet genau dort, weil sie eine Behinderung haben.
Oft schon habe ich solche bemitleidenswerte Tiere gesehen und habe bei mir gedacht: Das wäre nichts für mich - mit einem solchen Tier zu leben.
Irgendwie scheut man sich vor der Behinderung.
Meine Einstellung änderte sich vor 4 Jahren.
Nach langem Hin und Her habe ich mich endlich entschieden, wieder einen "Traumhund" in unserem Haus aufzunehmen. Wochenlang suchte ich im Internet und klapperte Züchter, aber auch Tierheime ab bis ich endlich unsere Emily gefunden habe:
Ein Biewer-Yorkshire-Mädchen:

Was hatte ich alles vor mit ihr: ausbilden wollte ich sie, gehorchen sollte sie und immer an meiner Seite sein, ein richtiger Begleithund.
Wir werden zusammen steinalt, dachte ich mir und war sehr sehr stolz.
Es hat nicht lange gedauert und ich erinnere mich wie heute an den Tag, der alles veränderte:
Es war der 4.11.2006 - Emily wohnte gerade knapp 4 Wochen bei uns.
Wir sind Abends Gassi gegangen und wollten - wie immer - um die Ecke Richtung Feld einbiegen - draußen war es schon fast dunkel.
Emily lief an der Leine um die Ecke, da hörte ich nur ein grässliches Schnaufen und Emily schrie wie am Spieß.
Ich riss an der Leine - konnte ich doch im Dunkeln nicht erkennen, was da gerade vor sich geht - aber Emily hatte das Welpenhalsband an, welches sich - sollte sich der Hund mal irgendwo damit verhängen, von selber öffnet. Es öffnete sich also bei dem Ruck.
Ich sah Emily durch die Luft fliegen - sie schrie immer noch.
Langsam erkannte ich, was passiert war: Ein Riesenschnautzer älteren jahrganges hatte Emily wohl mit einer Ratte verwechselt - er war nicht angeleint - und schnappte sich Emily um sie zu zerreißen.
Er fing den Welpen in der Luft wieder auf und biss noch einmal zu, bevor ihn sein Frauchen abhalten konnte.
Emily lag völlig verkrümmt auf dem Boden und blutete. Die Augen waren verdreht und rollten wirr hin und her - sie röchelte.
Ich möchte die Sache nicht länger beschreiben, Fakt ist:
Emily erlitt durch den Biss in ihren Kopf eine Hirnblutung und der Facialnerv wurde eingeklemmt.
Der Kampf um ihr Leben ging Tagelang - aber die Tierklinik erklärte mir, dass die Schwellung im Gehirn die Verkrümmung, Lähmung und den Nystagmus hervorr rufen würden - bei Abschwellung bestünde die Hoffnung, dass alles wieder normal wird.
Ohne diese Aussage hätte ich sie sicherlich einschläfern lassen.
Emily entkrampfte langsam und über Tage, erst am 6ten Tag konnte sie den Kopf heben, es dauerte noch eine ganze Woche, bis sie wieder laufen konnte - allerdings nur im Kreis und mit Umfallen!
Nach Wochen konnte Emily wieder richtig laufen - aber es stellte sich heraus, dass sie bleibende Schäden beibehalten hatte:
Die linke Gesichtshälfte blieb gelähmt, hängt etwas herunter, auf der linken Seite ist sie Taub und das Auge ist durch fehlenden Schließreflex erblindet.
Dadurch bedarf es besonderer Pflege: Tägliches Cremen und säubern - ansonsten müsste es heraus genommen werden.
Dadurch, dass sie links nichts spürt, frisst sie sehr merkwürdig und zerbeißt sich manchmal die Zunge - nach dem Fressen sieht sie gräuselich aus, daher muss sie regelmäßig gebadet werden

Durch die Blind- und Taubheit kann Emily nicht dreidimensional hören oder sehen, deswegen dreht sie sich sehr oft im Kreis, um Geräusche und Eindrücke zuzuordnen. Abstände kann sie nicht abmessen, daher kann sie nicht Treppen hoch laufen oder von der Couch springen und läuft auch manchmal gegen eine Laterne.
Ihr Köfchen hängt schief nach links - wenn ich älteren Damen beim Spazieren gehen begegne sind sie immer sehr begeistert: Die schaut einen ja so goldig an.


Emilys Behinderung macht sie so besonders - so besonders liebenswert und so einzigartig.
Wir würden sie nie her geben und viele Menschen, die sie kennen gelernt haben, würden sie sofort aufnehmen, wenn ich sie hergeben würde.
Beim Spazierengehen treffen wir oft Anton, ein Mischling aus Spaniens Tötungsstation, dem ein Vorderlauf amputiert wurde.
Anton sieht aus, als hätte er vorne mittig nur ein einziges Bein - wenn er einem entgegen springt, erinnert das ein wenig an die Gangart von Diedeldei und Diedeldam aus Alice im Wunderland.
Und dann toben die Beiden zusammen:
Emily Kreise drehend, Anton hüpfend - und es ist einfach wunderbar, den Beiden zuzusehen.
Autor: Antje

